Sicher ist euch beim Zeitungslesen schon aufgefallen, dass die Beiträge nicht nur unterschiedlich lang sind, sondern auch verschieden aufgebaut und geschrieben sind. Ein Journalist, der ein bestimmtes Thema in die Zeitung nehmen möchte, hat dabei meist folgende Punkte im Sinn: Welche Bedeutung hat das Thema für den Leser, also meist welchen Neuigkeitswert und welche Nähe? Möchte ich reine Fakten wiedergeben, ist die Atmosphäre während des Ereignisses berichtenswert, oder erscheint es mir angebracht, auch meine Meinung äußern? Aber auch pragmatische Fragen – wieviel Stoff gibt das Thema her, wie viel Platz habe ich in der Zeitungsseite, lässt sich dazu ein Foto machen?
Meist lassen sich einige bestimmte Texttypen, die sogenannten Darstellungsformen, unterscheiden:
- die Nachricht
- der Bericht
- die Reportage / das Porträt
- das Feature
- das Interview / die Umfrage
- der Kommentar
Am besten lassen sich die Typen anhand eines Beispiels deutlich machen. Etwa anhand des 100-m-Sprints der gerade zu Ende gegangene Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Berlin. Aus diesem „Großthema“ lässt sich genug Stoff für alle Darstellungsformen gewinnen.
- Die Nachricht teilt einen bisher unbekannten Fakt mit, der (voraussichtlich) auf allgemeines Interesse trifft. Sie ist (meist) nicht länger als 15 Zeilen, beschränkt sich also auf drei bis vier Sätze, den Kern der Sache also. Das Wichtigste steht am Anfang. Die Nachricht ist sofort für alle verständlich, nachprüfbar und objektiv geschrieben. In unserem Fall am nächsten Morgen also die kurze Meldung – Usain Bolt (Jamaica) hat zum Auftakt der Leichtatletik-WM in Berlin den 100-m-Sprint in Weltrekordzeit und mit großem Abstand gewonnen. Im zweiten Satz noch seine genaue Zeit und dass er den alten Weltrekord damit um so und so viel Hundertstel verbessert hat. Im dritten Satz kommen noch Namen und Zeiten des Zweit- und Drittplatzierten. Mehr nicht.
- Der Bericht baut auf der (integrierten) Nachricht auf, er ist aber deutlich länger und vermittelt auch Zusammenhänge und Vorgeschichte. Er macht die Situation lebendiger mit Hilfe von Zitaten oder indirekter Rede. In unserem Fall vermeldet der Einstieg etwa – Erneut ließ Usain Bolt alle Zweifler verstummen. Seinen gestrigen 100-m-Rekord von 9,58 s hielt vor zwei Jahren noch kaum ein Experte für möglich. Vor 50.000 begeisterten Zuschauern lachte der Jamaicaner schon vor der Zielpassage und warf einen Blick zur Seite –da kam niemand. … Anschließend etwa eine Chronologie vom Aufwärmen bis zu Zitaten aus dem Interview nach dem Zieldurchlauf. Der Dopingtest fiel negativ aus, die sportliche Vorbereitung Bolts erwies sich als erstaunlich effektiv, die jamaicanischen Fans machten nachher Freudentänze, und Bolt plant für die 200 m einen ähnlichen Coup usw.
- Die Reportage ergänzt Nachricht und Bericht, sie beinhaltet viele Eindrücke und genaue Details des Ereignisses. Reporter lassen besser sie sprechen, anstatt selbst eine Wertung zu treffen. Allerdings können dort passende sprachliche Bilder unterstützen. Anders als 1. und 2. ist die Reportage nicht nach Wichtigkeit gestaffelt, sondern hat einen Spannungsbogen mit Höhepunkten auch am Ende des Textes, der eine Klammer zum Anfang geben sollte. Der Reporter darf sich in der Ich-Perspektive selbst erwähnen und die Reportage in der Gegenwartsform schreiben. Unser Beispiel – Sprint-Schlacks Usain Bolt küsst tänzelnd sein goldenes Amulett, bevor er seine Fersen in den Startblock rammt und zur Laufmaschine mutiert. Seine Adern spannen sich wie eine Armbrust, der Blick gewinnt an gnadenloser Schärfe und hat schon längst die Ziellinie passiert. Der Startschuss löst den Pfeil und die Fans aus der Atemlosigkeit. … Ich kann gegen den Sturm aus zehntausenden feiernden Kehlen noch immer nicht mein eigenes Wort verstehen, während wieder einmal die Flagge Jamaicas auf den Schultern des Siegers tanzt.
Das Porträt zeichnet ein genaues Bild einer Person mit alten und möglichst auch neuen Facetten – z.B. der Lebensweg des Usain Bolt von der Straße in die großen Stadien mit Hilfe eines großen Förderers.
- Das Feature behandelt abwechselnd schildernd und erklärend ein übersehenes oder abstraktes Thema oder einen Nebenaspekt. In diesem Mischtyp vermengen sich Elemente aus Nachricht, Reportage und Interview. In unserem Fall wäre das fiktiv die Untersuchung der speziellen Laufsohle von Bolt, die vor dem Wettkampf immer wieder von den Kameras fokussiert wurde. Sie wurde extra für die blaue Bahn in Berlin entwickelt. Bringt nach Meinung von zitierten Experten und Studien mindestens eine Zehntelsekunde Vorsprung, ist aber anders als Epo-Doping noch nicht verboten. Die alte Trainingsgruppe von Bolt in Jamaica bestätigt den Effekt. Bolt bekennt sich in der abschließenden Reaktion lächelnd zu diesem Hilfsmittel – mit noch ruhigem Gewissen.
- Das Interview ist ein Frage-Antwort-Spiel zwischen Journalist und Befragtem. Der gut vorbereitete Interviewer sollte präzise Fragen stellen, aber auch auf unerwartete Antworten reagieren können. Am besten unter vier Augen. Die Information wirkt für den Leser glaubhafter, weil die Quelle selbst spricht, ohne einen systematischen Filter des Schreibenden. Kürzen im Sinne von sinnwahrendem Zusammenfassen ist ihm aber erlaubt, denn oft will oder kann der Antwortende nicht sofort und nur mit Nachfragen eine klare Antwort geben. Unser Fall – War der Weltrekord für sie nur ein Routine-Job? Hatten Sie eine Renn-Einteilung? Hat sie die Stimmung in Berlin beflügelt? Was bringt Ihnen der Kuss aufs Amulett? Waren Sie frei von unerlaubten Substanzen? Warum sind dann aber drei ihrer Trainingskollegen wegen Doping gesperrt? Usw…
Abgewandelt richtet die Umfrage nicht mehrere Fragen an einen Befragten, sondern eine Frage an mehrere Befragte. Zum Beispiel eine Befragung von sechs Fans, was vom kurzen 100-m-Sprint hängen bleibt.
- Im Kommentar äußert der Schreibende seine Meinung, er gibt nicht mehr nur die Fakten wieder. Er basiert auf einer harten Nachricht, die für das Verständnis ebenfalls entweder als anderer Beitrag oder im Kommentar vermeldet sein muss. Fordert diese Nachricht eine wertende Stellungnahme heraus, die wiederum ein großes öffentliches Echo erwarten lässt? Dann ist ein Kommentar angebracht. Er sollte sich auf ein Ziel zuspitzen und in schlüssiger Argumentationskette überraschen, überzeugen, nachdenklich machen. Unser Beispiel – Usain Bolt als „verfolgte Unschuld“. Sein Freudentanz war aufdringlich ausgelassen, das Zahnpasta-Lächeln in die Kameras fast quälend selbstsicher. Usain Bolt sagte damit – Seht her, ich bin einer wie du und dich, das Wunder kann auch zu euch kommen. Doch wer zwei Wochen zuvor beim Abschlusstraining in Jamaica dabei war, erlebte einen unwirschen, verschlossenen Jungen, abgeschirmt von Trainern, Therapeuten, Ärzten. … Ein Leichtathletik-Weltverband, der sich derart ungeniert in solch einem Wunder sonnt, ist ein Sonnenbrand zu wünschen. Bevor er sich zum Doping-Krebs wie im Radsport auswächst.